Gesine und der große Strom

 

Es regnet. Gesine sitzt am großen Strom ihres Wohnortes und auch ihre Tränen strömen.

Dass Gesine “strömen“ denkt, zaubert ein Lächeln ob dieser Ironie auf ihr Gesicht und stimmt sie zugleich noch trauriger. Strom – das ist es, wessenthalben sie mit ihrem Exlebensgefährten noch großen Ärger hat.

Sie, Gesine, war alleine beim Elektrizitätswerk angemeldet und jetzt soll sie die Rechnung bezahlen, obgleich doch ihr Exfreund und sie gemeinsam gewohnt hatten. Er sollte die Abschlagszahlungen leisten, während sie den größten Teil der haushaltlichen Ausgaben bestritten hatte.

Natürlich zahlte er nicht. Und so stand eines Tages der Mann vom Elektrizitätswerk vor der Tür. Entweder zahlen oder ohne Strom sein! So lautete seine eher bestimmt als freundlich vorgetragene Forderung. Gesine erzählt ihr Leid und der Mann gab ihr verständnisvollerweise noch zwei Tage Zeit; zudem den Rat, doch den Strom auf den Namen des Zahlen-Sollenden anzumelden.

Ihre Mutter gab ihr das Geld und ermahnte sie, diese Ummeldung nicht zu vergessen.

Vergessen hat Gesine das auch nicht; sie hat sich überzeugen lassen, dass es doch besser ist, wenn alles so bliebe, wie es war. Und so lief der Strom weiterhin auf ihren Namen. Ihr Exfreund zahlte die Stromrechnungen weiterhin nicht, was Gesine aber zu spät erfuhr, da er es immer schaffte, vor ihr am Briefkasten zu sein.

Eines Tages verließ er sie und sie wollte nicht mehr in der Wohnung verbleiben, wo sie an ihn, ihre Beziehung, ihre Streitereien und ihre Versöhnungen erinnert wurde. Schnell fand sie ein neues Zuhause.

Als sie ihren Stromanschluss telefonisch abmeldete, frug sie den freundlichen Agenten, ob er ihr schon die Höhe der Schlussrechnung ausrechnen könne. Er tat dieses und Gesine fiel fast der Hörer aus der Hand. Sie erfuhr nun erst, dass weiterhin keine Abschlagszahlungen geleistet worden waren, die Höhe der ausstehenden Beträge aber noch knapp unterhalb eines ominösen Sperr-Grenzbetrages läge, dessen genaue Höhe der freundliche Agent allerdings nicht nennen wollte.

Gesine war wütend und forderte von ihrem Exfreund dessen Anteil am Stromgeld. Doch dieser sagte ihr, kein Geld zu haben.

Eines Tages fasste sie sich wieder ein Herz und rief die Hotline des Stromversorgers an. Sie wollte bitten, dass die Rechnung an ihren ehemaligen Freund geschickt werde. Doch der freundliche Agent sagte ihr, dass dies nicht möglich sei, denn sie wäre die alleinige Vertragspartnerin gewesen. Wenn beide Namen gemeldet gewesen wären, dann ginge das wohl. (Und das ganze schaffte er, ohne einen einzigen Konjunktiv zu verwenden). Sie weinte, wusste nicht mehr, was noch zu machen wäre. Auch ihre Mutter wollte ihr außer einem kleinen Betrag zum Einkaufen kein Geld mehr geben, denn Gesine war nach dem ersten Schaden nicht klug geworden. Das konnte sie verstehen, zumal sie wusste, dass ihre Mutter ohnehin kein Geld mehr hatte.

¿Woher also Geld nehmen? Heute Abend um 16 Uhr würde der Außendienstmitarbeiter das letzte Mal kommen. Zahlen oder die Erfahrung des Lebens ohne Strom machen – in ihrer Tasche war gerade mal das Geld für ein bescheidenes Abendessen sowie ein paar Cent, nicht einmal ein Euro.

Gesine ist verzweifelt. ¿Soll sie sich in den Strom stürzen aus Verzweiflung über ihre Stromschulden? Für eine ausgebildete Rettungsschwimmerin nicht gerade die überzeugende Todesart. ¿Soll sie sich vor ein Auto oder einen Zug stürzen? Damit würde sie einem anderen Menschen das Leben durch Gewissensbisse schwer machen. ¿Soll sie versuchen, den Außendienstler zu verführen? Das ist auch keine Lösung, außerdem hat sie das schon vergebens versucht. Ein erneuter Anruf im Call-Center bringt auch nichts; der freundliche Agent hat sehr viel Verständnis für sie, kann ihr aber trotz seiner liebevollen Worte auch nicht helfen.

Gesines Verzweiflung wächst. Sie kann ihren Exfreund anrufen, ihm erneut eindringlich schildern, wie dringend sie das Geld braucht. Aber da ist nichts zu holen. Er hat wirklich nichts. Gesine weiß, dass er all sein Geld verspielt hat.

¿ Verspielt? Gesine kommt eine grandiose Idee. Sie geht in die Lottostelle; hofft inbrünstig, dass ihr mehr Glück als ihrem Exfreund zuteil wird. Sie kauft genau ein Rubbellos; sie will nicht gewinnen, nein, sie muss gewinnen. Inständig hofft sie, das richtige Los zu finden, das Los, wo der Gewinn drauf ist, den sie braucht. Nur dieses eine Mal will sie spielen. Und gewinnen.

Sie greift in den Lostopf; versucht zu erspüren, welches Los ein Gewinnlos sein wird – und, es ist kaum zu glauben, sie zieht das Los, welches ihr einen nicht allzu großen, aber die Stromschulden knapp übersteigenden Betrag bringt!

Beschwingt eilt sie nach Hause; dem Außendienstmitarbeiter gibt sie das Geld und ein freundliches Lächeln. Sie ruft ihre Mutter an; sagt ihr, dass sie das Problem gelöst hat, aber nicht genau, wie. In ihrer Hand hat sie noch Geld, sie geht wieder in die Lottostelle. Kauft fünf Lose, gewinnt mit keinem. Sie geht hinaus. Etwas in ihr will umkehren, weitere Lose zu kaufen, denn es ist noch etwas Geld da. Sie schafft es, nach Hause zu gehen. Zurückgehen - ¿ja oder nein?

Gesine will nicht zurückgehen; sie will jetzt nicht mit dem einen Gewinn in den Strudel der Spielsucht gerissen werden. Sie will nie wieder den Strom nicht bezahlen können. Nein, dieses Glücksspiel war eine Ausnahme, auch wenn es sie gerettet hat – gerettet aus einer Situation, in die sie nie ohne das Glücksspiel ihres Exfreundes gekommen wäre.

Sie stellt nacheinander all die Geräte an, welche mittels Stromes betrieben werden. Die Erfahrung, sonder Stromes leben zu müssen, diese Erfahrung soll weiterhin dem Urlaub auf dem Zeltplatz vorbehalten bleiben.

Gesine geht erneut hinaus, sie will den Ansatz der Spielleidenschaft durch das Vorbeigehen an vielen Lottoannahmestellen bekämpfen.

Wünschen wir ihr Gutes Gelingen und allzeit Gut Strom!

 



 

Diesen Text hatte ich 2001 geschrieben und 2002 erstmals in der Anthologie Buchwelt verfasst. Inzwischen ist der Betrag für eine Stromsperre nicht mehr ominös und im Belieben des Anbieters, sondern gesetzlich geregelt.